
Gut möglich, dass der Meister des Free-Jazz-Punks zum letzten Mal auf der Bühne zu sehen ist.
Wenn Ted Milton singt, dann klingt das wie das Bellen eines
verwahrlosten Hundes. Wenn Ted Milton Saxofon spielt, wie das Klagen
eines dem Tode geweihten Wildschweins. Abgesehen davon ist Ted Milton
ein freundlicher Zeitgenosse. Auch wenn er zuweilen Sachen sagt wie:
«Ich kann nicht in einem Theater sitzen, ohne das Gefühl zu
haben, ich müsse da sofort wieder raus – und beim Rausgehen etwas
beschädigen». Oder: «Ich glaube, dass jeder, den das
Leben nötigt, Kunst zu machen oder aufzutreten, grundsätzlich
krank, meistens unglücklich und generell verrückt ist.»
Seine Verrücktheit und seinen Hang zum
Animalischen tobt Ted Milton in seiner Band Blurt aus. Seit mehr als 26
Jahren. Mit bescheidenem Erfolg, aber mit gleich bleibender Inbrunst
und Radikalität.
Ted Milton ist nun bereits über 60 Jahre alt, weshalb er seine
laufende Tournee als seine letzte bezeichnet und seinen Abschied von
der Bühne in Aussicht stellt. Das hat er vor dieser letzten
Tournee bereits öfter getan, doch im Grunde pflegt er all seine
Konzerte so zu gestalten, als gälte es damit ein ultimatives
Ausrufezeichen in die Welt zu setzen.
Unsinn und purer Ernst
Bemühungen, Ted Miltons Musik zu
beschreiben, gab es in den letzten 26 Jahren einige. Mal kam man auf
Dada-Avantgarde-Jazz, mal auf Punk-Fake-Pogo-Jazz, die Engländer
nannten es schlicht Afro-Punk, und allen ging es darum, die
irritierende Koexistenz von archaischem Furor und schiefem Schalk in
Blurts Musik zum Ausdruck zu bringen. Song-Titel wie «Eat Up Your
House», «My Mother Was A Friend Of An Enemy Of The
People», «Hurrah, die Butter ist alle!» oder
«Confessions Of An Aeroplane Farter» geben einen Eindruck
von dieser Dialektik.
Doch wie bereits der Dadaismus seinen Unsinn aus dem puren Ernst des
Lebens destillierte, schürft das Projekt Blurt seine Energie, aber
auch seinen Witz aus der chronischen Verdrossenheit ihres
Protagonisten. Auf der musikalischen Seite mündet das in eine
abenteuerliche und energetische Fusion aus Punk und Free Jazz. Die
andere Seite ist die Poesie. Sie fliesst entweder in die Songs von
Blurt ein oder aber in die Bücher ihres Urhebers. Ted Milton hat
einige Bände veröffentlicht, sie haben unter anderem Aufnahme
in die Bibliotheque Nationale und die British Library gefunden.
Aufbrausend Rigoros
Von Beginn an funktioniert das Projekt Blurt als
Trio: Da ist ein Schlagzeug mit bauchiger Snare-Drum und rüstigem
Drive. Da ist eine sachdienlich geschrummelte verkommene Punk-Gitarre
und die eingangs erwähnten gesanglichen und saxofonen
Vorstösse des Bandleaders. Letztere gemahnen in ihrer
ungeschliffenen Drastik am ehesten an das Tun eines Rahsaan Roland
Kirk, doch während dieser zuweilen durchaus auch einen Willen zur
melodiösen Ausgestaltung offenbarte, zielt das aufbrausende
Saxofonspiel von Ted Milton eher darauf ab, das Rigorose in seiner
Musik zu unterstreichen.
Blurt, das ist ein genereller musikalischer Ausnahmezustand, Musik
gewordene Ungehaltenheit – und dazu schreit sich Ted Milton seine
Ängste und Paranoia aus dem Leib. Er schreie, damit er nicht
irrtümlich für einen Sänger gehalten werde, pflegt Ted
Milton seinen Gesangsstil zu erklären. 26 Jahre ist er damit
durchgekommen, die meisten seiner 30 Platten, Singles und
Solo-Veröffentlichungen sind entweder vergriffen, oder die
zuständigen Plattenfirmen haben ihren Betrieb längst
eingestellt.
2003 erschien die dringend fällige «Best of
Blurt»-Compilation «The Fish Needs A Bike». Volume 2
«The Body That They Built To Fit The Car» wird
voraussichtlich im Juni veröffentlicht und in der Schweiz nur
über Import erhältlich sein.
Ob er glücklich sei, wurde Ted Milton in einem seiner raren
Interviews einst gefragt, eine Erkundigung, die ihn merklich ins
Grübeln brachte: «Hm, die ganze Zeit übermässig
glücklich bin ich nicht. Ich erwarte nicht jeden Tag, einen guten
Tag zu haben, vom Anfang bis zum Ende. Ich meine, jeden Tag von Anfang
bis zum Ende einen netten Tag zu haben, wer will das schon in Anspruch
nehmen?»
Kein Talent fürs Glück
Grosses Glück ist häufiger als grosses
Talent, hat ein weiser Philosoph einst herausgefunden. Der Umstand,
kein grosses Talent fürs grosse Glück zu haben, ist Ted
Milton in seiner Kunst sicherlich zugute gekommen.
Reitschule Dachstock Sonntag, 14. Mai,
21 Uhr. www.dachstock.ch.