DER BUND  DONNERSTAG, 18 MAI 2006
Ane Hebeisen

Kulturtipp

Bellen gegen das Glück

Punk-Jazz: Blurt

Ted Milton ist keiner, der seinem Publikum einen netten Tag zu bescheren trachtet. Mit seiner Gruppe Blurt feilt er seit 26 Jahren an einer Musik zwischen archaischer Gewat und hintergründigem Schalk.
«Grundsätzlich krank, meistens unglücklich und generell verrückt»: Ted Milton. / adi
 

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Gut möglich, dass der Meister des Free-Jazz-Punks zum letzten Mal auf der Bühne zu sehen ist.

Wenn Ted Milton singt, dann klingt das wie das Bellen eines verwahrlosten Hundes. Wenn Ted Milton Saxofon spielt, wie das Klagen eines dem Tode geweihten Wildschweins. Abgesehen davon ist Ted Milton ein freundlicher Zeitgenosse. Auch wenn er zuweilen Sachen sagt wie: «Ich kann nicht in einem Theater sitzen, ohne das Gefühl zu haben, ich müsse da sofort wieder raus – und beim Rausgehen etwas beschädigen». Oder: «Ich glaube, dass jeder, den das Leben nötigt, Kunst zu machen oder aufzutreten, grundsätzlich krank, meistens unglücklich und generell verrückt ist.»

Seine Verrücktheit und seinen Hang zum Animalischen tobt Ted Milton in seiner Band Blurt aus. Seit mehr als 26 Jahren. Mit bescheidenem Erfolg, aber mit gleich bleibender Inbrunst und Radikalität.
Ted Milton ist nun bereits über 60 Jahre alt, weshalb er seine laufende Tournee als seine letzte bezeichnet und seinen Abschied von der Bühne in Aussicht stellt. Das hat er vor dieser letzten Tournee bereits öfter getan, doch im Grunde pflegt er all seine Konzerte so zu gestalten, als gälte es damit ein ultimatives Ausrufezeichen in die Welt zu setzen.

Unsinn und purer Ernst

Bemühungen, Ted Miltons Musik zu beschreiben, gab es in den letzten 26 Jahren einige. Mal kam man auf Dada-Avantgarde-Jazz, mal auf Punk-Fake-Pogo-Jazz, die Engländer nannten es schlicht Afro-Punk, und allen ging es darum, die irritierende Koexistenz von archaischem Furor und schiefem Schalk in Blurts Musik zum Ausdruck zu bringen. Song-Titel wie «Eat Up Your House», «My Mother Was A Friend Of An Enemy Of The People», «Hurrah, die Butter ist alle!» oder «Confessions Of An Aeroplane Farter» geben einen Eindruck von dieser Dialektik.
Doch wie bereits der Dadaismus seinen Unsinn aus dem puren Ernst des Lebens destillierte, schürft das Projekt Blurt seine Energie, aber auch seinen Witz aus der chronischen Verdrossenheit ihres Protagonisten. Auf der musikalischen Seite mündet das in eine abenteuerliche und energetische Fusion aus Punk und Free Jazz. Die andere Seite ist die Poesie. Sie fliesst entweder in die Songs von Blurt ein oder aber in die Bücher ihres Urhebers. Ted Milton hat einige Bände veröffentlicht, sie haben unter anderem Aufnahme in die Bibliotheque Nationale und die British Library gefunden.

Aufbrausend Rigoros

Von Beginn an funktioniert das Projekt Blurt als Trio: Da ist ein Schlagzeug mit bauchiger Snare-Drum und rüstigem Drive. Da ist eine sachdienlich geschrummelte verkommene Punk-Gitarre und die eingangs erwähnten gesanglichen und saxofonen Vorstösse des Bandleaders. Letztere gemahnen in ihrer ungeschliffenen Drastik am ehesten an das Tun eines Rahsaan Roland Kirk, doch während dieser zuweilen durchaus auch einen Willen zur melodiösen Ausgestaltung offenbarte, zielt das aufbrausende Saxofonspiel von Ted Milton eher darauf ab, das Rigorose in seiner Musik zu unterstreichen.
Blurt, das ist ein genereller musikalischer Ausnahmezustand, Musik gewordene Ungehaltenheit – und dazu schreit sich Ted Milton seine Ängste und Paranoia aus dem Leib. Er schreie, damit er nicht irrtümlich für einen Sänger gehalten werde, pflegt Ted Milton seinen Gesangsstil zu erklären. 26 Jahre ist er damit durchgekommen, die meisten seiner 30 Platten, Singles und Solo-Veröffentlichungen sind entweder vergriffen, oder die zuständigen Plattenfirmen haben ihren Betrieb längst eingestellt.
2003 erschien die dringend fällige «Best of Blurt»-Compilation «The Fish Needs A Bike». Volume 2 «The Body That They Built To Fit The Car» wird voraussichtlich im Juni veröffentlicht und in der Schweiz nur über Import erhältlich sein.
Ob er glücklich sei, wurde Ted Milton in einem seiner raren Interviews einst gefragt, eine Erkundigung, die ihn merklich ins Grübeln brachte: «Hm, die ganze Zeit übermässig glücklich bin ich nicht. Ich erwarte nicht jeden Tag, einen guten Tag zu haben, vom Anfang bis zum Ende. Ich meine, jeden Tag von Anfang bis zum Ende einen netten Tag zu haben, wer will das schon in Anspruch nehmen?»

Kein Talent fürs Glück

Grosses Glück ist häufiger als grosses Talent, hat ein weiser Philosoph einst herausgefunden. Der Umstand, kein grosses Talent fürs grosse Glück zu haben, ist Ted Milton in seiner Kunst sicherlich zugute gekommen.

Reitschule Dachstock Sonntag
, 14. Mai, 21 Uhr. www.dachstock.ch.




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